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17.12.2021 - Energiewende in der "Freien Scholle"

Ein Interview mit Lidija Arndt, technischer Vorstand der Baugenossenschaft "Freie Scholle" zu Berlin eG, vom 14.09.2021 zum Thema Energiewende in der "Freien Scholle" von Katharina Seiler und Ralf C. Kohlrausch.

Der 1. Teil des Interviews ist im Mitteilungsblatt Dezember 2021 (Seite 4-5) erschienen.

Deutschland hat sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt und will bis 2045 klimaneutral werden. Das heißt, der Ausstoß von Kohlendioxid muss in den kommenden Jahren drastisch gesenkt werden. Zu den größten Verursachern gehören der Gebäudebereich und der Verkehr. Hier strebt die Politik eine Umstellung auf fossilfreie Energieträger an. Um das zu erreichen, ist ein CO2 Preisaufschlag auf Benzin, Diesel, Erdöl und Erdgas beschlossen worden, das heißt, Heizen und Tanken wird in den nächsten Jahren teurer werden.

Da die Heizungsart vom Vermieter vorgegeben wird, fragen wir Sie, Lidija Arndt, als technischer Vorstand der Freien Scholle, welche Pläne gibt es, die Heizungen der Schollenwohnungen und Schollenhäuser auf fossilfreie Heizkraftstoffe umzustellen?

Arndt: Modernisierungsprojekte in der Freien Scholle sind nicht einfach umzusetzen. Denn fast zwei Drittel des Wohnungsbestandes unterliegen dem Denkmalschutz: Das betrifft die gesamte Kernsiedlung Tegel, ausgeschlossen sind die Außensiedlungen Rosentreterpromenade,  Alt-Wittenau, Zabel-Krüger-Damm in Lübars, der soziale Wohnungsbau in der Ziekowstraße und natürlich der Neubau am Waidmannsluster Damm. Damit stehen rund 1100 von 1500 Wohneinheiten unter Denkmalschutz. Trotzdem wollen wir jetzt mit großer Kraft und Anstrengung den Schollenhof sanieren. Allerdings muss jede Sanierung sich eng am historischen Original orientieren. So müssen zum Beispiel beim Verputzen nicht nur historische Baumaterialien verwendet werden, sondern auch bereits bestehende alte Putzelemente, wo immer möglich, erhalten werden. Gut isolierende aber dick auftragende Wärmedämmverbundsysteme sind damit ebenso unmöglich wie teurere aber dünnere Vakuumpaneele oder Dämmputz.

Frage: Und wie ist das mit den Fenstern?

Arndt: Bei Fenstern geht gar nichts. Da greift der Denkmalschutz in vollem Umfang. Das heißt, es müssen Holzfenster bleiben. Wir können teilweise bei den Glaselementen einen besseren K-Wert durchsetzen. Wir wollen aber versuchen, auf den Dächern Photovoltaikanlagen zu installieren. Der Schollenhof bietet sich dafür ausgesprochen gut an. Er ist hervorragend belichtet und mit ca. 1000 qm Dachfläche eine beachtenswerte Fläche. Aber ob der Denkmalschutz mitmacht, wissen wir noch nicht.

Frage: Aber flachgelegte Solarmodule wäre doch von der Straße aus gar nicht zu sehen, oder?

Arndt: Ja aber, es kommt auch darauf an, ob sie auch von den Sichtfluchten aus gesehen werden können. Die Denkmalschutzbehörde hat in der Vergangenheit sehr hohe Anforderungen gestellt.

Frage: Wann wissen Sie, ob der Denkmalschutz zustimmt oder nicht?

Arndt: 2022, denke ich. Wir sind jetzt dabei, alle Vorgaben vorzubereiten. Wir müssen uns auch finanziell wappnen. Die Sanierung des Schollenhofes wird vermutlich mehr als vier Millionen Euro kosten. Wir als Genossenschaft haben durch die moderaten Nutzungsgebühren für die Wohnungen und Häuser nur überschaubare Rücklagen und Budgets z.B. im Vergleich zu anderen Genossenschaften. Deshalb können wir so große Projekte nur begrenzt stemmen bzw. müssen sie über mehrere Jahre planen. In dieser Zeit könnten wir keine anderen Großinstandhaltungen durchführen.

Frage: Die Photovoltaikanlagen würden nur grünen Strom erzeugen, für die Heizungsanlagen würde das erst mal noch nichts verändern, richtig?

Arndt: Ja genau. Solarthermie für Warmwasser würde sich wahrscheinlich mit den bestehenden Anschlussinstallationen in den Häusern beißen. Das würde entweder nicht funktionieren, oder die Investitionskosten wären noch viel höher. Also bleiben wir bei der Prüfung der Umsetzbarkeit bei den Photovoltaikanlagen.

Frage: Und der Strom aus den Anlagen würde ins allgemeine Stromnetz eingespeist?

Arndt: Die Idee dahinter ist, dass wir im Besten Falle den gesamten Schollenhof versorgen können, z.B. die Treppenhäuser, das Schollenbüro und/ oder  die Wohnungs- und Gewerbeeinheiten.

Frage: Damit könnte die Freie Scholle einen Beitrag zur Umstellung auf Erneuerbare Energien leisten, aber für den CO2 Preisaufschlag auf Heizöl und vor allem Erdgas würde sich das nicht auswirken. Das heißt, die Heizkosten für die Schollenbewohner würden erst einmal weiter steigen, oder?

Arndt: Bei dem C02 Preis bin ich gespannt, was politisch ausgehandelt wird und wie das dann abgerechnet werden kann. Die Häuser werden anders abgerechnet als die Wohnungen. Da muss man dann gucken, wer welche Kosten tragen kann.
(Anmerk. InterviewerIn: Die Bundesregierung hat noch nicht entschieden, wer den CO2-Preis-Aufschlag trägt: der Vermieter oder der Mieter, oder ob er hälftig geteilt wird.)

Hinzu kommt, dass wir bei Sanierungen grundsätzlich das Problem haben, dass die Häuser durchschnittlich rund 50 Jahre in der Nutzung einer Familie sind, bis sie wieder an die Scholle zurückgegeben werden. Dann kostet es oft einen hohen fünfstelligen oder bei großen Häusern auch einen sechsstelligen Betrag sie zu sanieren und wieder auf den aktuellen Stand zu bringen. Wir müssen die komplette Haustechnik erneuern. Sprich, es sind Abbrucharbeiten notwendig bevor eine neue Heizungsanlage, eine Warmwasseraufbereitung, ein neues Bad und die gesamte Elektroanlage erneuert wird. Teilweise muss auch nachgedämmt werden, besonders da, wo früher Waschküchen o.ä. waren.

Frage: Kann die Freie Scholle dabei unter finanziellen Gesichtspunkten überhaupt noch zusätzlich verschärfte Klimastandards berücksichtigen?

Arndt: Das ist ganz schwierig. Bei den Klimaanforderungen sehe ich nur die Haustechnik, die ich anpassen kann. Aber wo soll ich die Erneuerbaren Energien hernehmen? Der Nutzer selbst schließt einen Stromvertrag ab.

Frage: Sie könnten aber in einem Haus, wenn Sie es im Zuge der Sanierung in einen Rohbau zurückverwandeln, eine Innendämmung anbringen.

Arndt: Teilweise ist das umsetzbar. Die Dachgeschosse mancher Häuser bieten sich dafür an. Wir setzen dann Silikatplatten an. Allerdings sind wir darauf angewiesen, dass die Nutzer dann auch nur Silikatfarbe verwenden, sonst ist der Effekt nicht da. In den unteren Geschossen fängt die Wand teilweise an zu schwitzen, da funktioniert es nicht.

Frage: Mit Dämmmaßnahmen kann man die Heizkosten zwar senken, aber letztlich kann man den CO2-Preisaufschlag nicht verhindern, solange weiter mit Erdgas geheizt wird. Man müsste die Heizung auf klimaneutrale Heizkraftstoffe umstellen, war das bei Ihnen schon mal Thema?

Arndt: In dem Bereich sind wir noch nicht so innovativ, wie wir uns das wünschen. Wir prüfen zum Beispiel, ob es irgendwo verlässliche Ökogas-Projekte gibt. Es gibt bisher nur Anbieter, die die Umweltfolgen der Erdgasgewinnung und Verbrennung mit Umweltprojekten an anderer Stelle ausgleichen, aber es gibt am Markt noch kein „ echtes grünes“ Gas verfügbar.

Frage: Sie haben hier in der Scholle viele Gartenflächen, das könnte man doch für Erdwärme nutzen.

Arndt: Ja, aber wir haben zusätzlich zum Denkmalschutz für die Gebäude auch einen Ensembleschutz für die gesamte Siedlung. Das heißt, wir dürfen nicht einmal andere Zäune verwenden, obwohl zum Beispiel die Holzzäune am Fließ sehr schnell verrotten.

Frage: Was ist denn zum Beispiel mit Wärmepumpen? Im Garten eines Reihenhauses im Kampweg steht eine Luft-Wärmepumpe. So eine Wärmepumpe könnte man doch auch in einen Schollen-Garten stellen.

Arndt: Theoretisch ist das machbar. Wir wissen aber noch nicht, wie benutzerfreundlich und wartungsintensiv sie sind. Von Pelletheizungen übrigens halte ich nicht viel. Die stoßen viele Abgase und CO2 direkt in der Siedlung aus und sehr effizient sind sie auch nicht. Wir machen jetzt gerade Pilotprojekte bei den Häusern, die frei werden. Da gehen wir mit Energieberatern rein, um zu sehen, in welchem Umfang unsere Objekte vielleicht ökologisch modernisiert werden können. 

Frage: Könnte man nicht auch mit Solarthermie heizen?

Arndt: Das hatten wir für die Außensiedlung in Lübars erfragt. Da wollten wir die vielen Flachdächer nutzen. Aber das hätte sich nicht rentiert, weil die Dächer durch den waldartigen Bewuchs rund um die Anlage zu stark beschattet werden.

Elektromobilität in der Scholle

Bei der Elektromobilität geht es nach Auskunft von Lidija Arndt vom Vorstand der Freien Scholle schneller voran. So gibt es im Fuhrpark der Handwerker seit Anfang 2021 Jahr ein erstes E-Fahrzeug und ab Herbst des Jahres auch ein elektrobetriebenes Lastenfahrrad. Für die Anschaffung konnte die Scholle auf Fördergelder zurückgreifen. Die E-Fahrzeuge werden durch eine Wallbox im Regiebetrieb geladen.

Aber auch das Aufladen von privaten E-Autos könnte in der Scholle bald möglich sein. Arndt sagt, sie habe für alle Siedlungen Fördergelder für Ladesäulen beantragt, so dass in jeder Schollen-Siedlung mehrere Ladesäulen oder Wallboxen installiert werden könnten. Gerade in den Außensiedlungen sei das Interesse sehr groß. Da besäßen viele Mieter E-Autos, zum Teil als Dienstwagen, oder E-Roller, die sie auch zuhause aufladen wollten. Nun ist zu klären, über welchen Anbieter die Ladesäulen angeschafft werden könnten und welcher Anbieter auch eine unkomplizierte Abrechnung mit den Nutzer:innen anbietet. Klar ist schon jetzt, dass wir uns für einen gewissen Zeitraum jedoch an einen Anbieter binden werden müssen, da die Abwicklung dieser neuen Dienstleistung die Verwaltungsabläufe nicht zu stark belasten soll.

Anders sehe es dagegen in der Kernsiedlung Tegel aus. So habe die Scholle zum Beispiel beim Neubau am Waidmannsluster Damm von den 30 PKW-Stellplätze zwei für E-Autos vorgesehen. Die Leitungen für die Ladesäulen lägen schon, sagt Arndt. Allerdings habe bei einer Mieterumfrage bisher niemand ernsthaftes Interesse angemeldet. Arndt hält es für möglich, diese E-Stellplätze deshalb auch anderen Baugenossinnen und Baugenossen außerhalb des Neubaus anzubieten.

Um zusätzliche Ladepunkte zu schaffen, lässt die Scholle aber gerade prüfen, ob Elektro-Laternen dafür umgerüstet werden könnten, wenn es ein entsprechendes Interesse gebe, so Lidija Arndt, technischer Vorstand der Freien Scholle.

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